1
Mrz
2012

thicker than water

Seine Familie kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten und der ganze Rest der biologischen Sippschaft, sie sind (oder waren) alle schon da, wenn wir die Welt entern. Da hängen wir nun als unreifer Apfel am Stammbaum der Familie und werden dazugerechnet, ob wir es nun wollen oder nicht. Denn wie Tolstoi es schon einmal so treffend angemerkt hat, müssen wir im Laufe des Älterwerdens feststellen, dass glückliche Familien einander oft gleichen, jede unglückliche Familie aber auf ihre ganz besondere Art unglücklich ist.

Wer nun nach eingehender Betrachtung aller Familienmitglieder zu dem Schluss kommt, die unglückliche Variante erwischt zu haben, den mag ein Blick in den Brockhaus beruhigen. Hier findet sich neben der spießbürgerlichen Definition, Familie sei "in der Regel das Elternpaar mit den unselbständigen Kindern als Einheit des Haushaltes", eine kleine weitere Zeile. Diese vermerkt, Familie könne auch als "Gruppe nah verwandter Gattungen" verstanden werden. Und wem man sich in seiner Gattung nah verwandt fühlt, das liegt wie immer im Auge des Betrachters.

Ob wir nun ein Wolfsrudel, eine Fantasiefamilie oder uns ganz allein als multifunktionale Solo-Familie wählen, ist uns also nur selbst überlassen. So weit, so fein.

Allerdings kommen wir nicht umhin, uns bisweilen mit der Verwandtschaft zu befassen, die uns in die Wiege gelegt wurde. Dazu zählen - egal wie unabhängig wir meinen zu sein - regelmäßige Statusprotokolle an die Eltern, eine schwer zu umgehende Anwesenheitspflicht bei Geburtstagen, wichtigen Feiertagen und Beerdigungen, sowie die stetige Ermahnung, sich doch mal wieder bei der gesamten Bagage zum Kuchen blicken zu lassen.

Vor allem in Zeiten der intensiven Selbstbeschau fällt es schwer, das biologische Erbe auszublenden. Man möge sich darüber die Köpfe glühend philosophieren, inwieweit positive und negative Anlagen, Eigenschaften und Talente über die direkte Blutlinie auch ihren Weg in unsere Gene finden. Doch im Ergebnis sieht man sich entweder im Schatten eines unbestreitbaren Familiengenies, dessen Glanz und Gloria unsere bescheidene Existenz in totale Finsternis tauchen. Oder man fragt sich, ob der ganze Wust aus Wahnsinn, Schuld und Sühne, den wir in unserem Ahnenbaum bestaunen können, nicht vielleicht doch einen Abdruck in uns selbst hinterlassen hat.

Aber wenden wir uns wieder der zweiten, der freiwillig gewählten Familienform zu. Ein Verbund, in den wir uns aus freien Stücken einfügen. Ein Verbund, in dem wir glauben, das zu werden, was wir wirklich sind. Und wo wir glauben, zu finden, was wir suchen. Zugehörigkeit. Vertrautheit. Bedingungslosigkeit. Nähe, Wärme oder Schutz. Unsere Ideal-Familie.

Doch dann werden wir mit einem Augenzwinkern bemerken, dass wir, egal welcher Familie wir uns zuwenden, der echten oder der frei gewählten, bei allen auf ähnliche Details stoßen. Glanz und Gloria, Schuld und Sühne, Wahnsinn und Genie: der ganze familiäre Wanderzirkus begegnet einem auch in der eigens etablierten Traum-Familie. Denn selbst in einem Wolfsrudel herrschen neben Liebe und Respekt auch die Triebe, der Neid und die Wolllust.

Sicher ist, dass wir in der Familie, in la famiglia, in la famille, immer etwas suchen, das in uns selbst verborgen liegt. Denn auch für die Familie gilt: Sage mir, wen du liebst und ich sage dir, was du suchst.

Das beste daran ist vielleicht, dass wir freiwillig wählen können, welcher der unendlich vielen, möglichen Familien wir uns anschließen können. Man muss nur überlegen, wem man sich in seiner Art und seinen Wünschen gleichen könnte.

Und man darf sich auch nicht wundern, wenn man nur genau so schwarzen Schafen begegnet wie man selbst eines ist. Denn eines ist sicher: wir haben alle mindestens eine verrückte, verdrehte oder irritierende Familie. Und das färbt ab.
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Seine Familie kann man sich bekanntlich nicht aussuchen....
woodstock1982 - 1. Mrz, 17:56

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